Nachhaltigkeit im Bauwesen

Viele – vielleicht mittlerweile die meisten – Bauherren und solche, die es werden wollen, legen Wert auf Nachhaltigkeit ihrer Immobilie. Das ist gut, doch was bedeutet nachhaltiges Bauen eigentlich?

Wer dieser Frage auf den Grund gehen möchte, findet vielseitige Erklärungen und Hinweise im Internet. Fachmagazine schreiben ebenso darüber wie Unternehmen, die direkt im Bauwesen tätig sind oder indirekt damit verbunden wie Berater, Finanzdienstleister oder Gutachter. Mindestens eine offizielle Webseite befasst sich direkt und ausschließlich mit dem Thema und heißt auch so: www.nachhaltigesbauen.de. Betrieben und mit Content gefüttert wird sie vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat.

In diesem Zusammenhang macht es durchaus Sinn, dass diese drei Ressorts in einem Ministerium gebündelt sind. Schließlich ist das Eigenheim – wie der Name bereits suggeriert – ein Ort, in dem die Menschen eine Heimat finden wollen – und dies vor allem innen (Der musste sein!). Ist diese Bündelung nicht bereits ein nachhaltiger Aspekt?

An dieser Stelle setzen wir die Kenntnis voraus, was der Begriff Nachhaltigkeit grundsätzlich bedeutet, ebenso, wie Nachhaltigkeit etwa in der Land- und Forstwirtschaft funktioniert.

Nüchtern betrachtet gehören zum nachhaltigen Bauen Attribute wie zukunftsfähig, klimagerecht, wirtschaftlich und gesund. Wer diese Punkte bei der Planung voranstellt, wird viel Zeit mit dem Vergleich von Baustoffen und Energieträgern verbringen, denn bei diesen stellen sich die gleichen Fragen. Reicht es also für die Nachhaltigkeit aus, wenn man nachhaltige Baustoffe und erneuerbare Energien nutzt?

Nein! Wesentliche Nachhaltigkeitsfragen stellen sich bei der Wahl des Standorts und auch bei der Entfernung von Arbeitsplatz, Einkaufsmöglichkeiten und weiteren Orten, die oft angefahren werden. Wie wird sich die Umgebung des Standorts mittel- bis langfristig entwickeln? Hier kann das Maß der Nachhaltigkeit von der Wahl des üblich genutzten Verkehrsmittels abhängen.

Neue Mobilitätskonzepte werden genauso wie neu entwickelte Baustoffe und Energiekonzepte die Nachhaltigkeitsbilanz verändern. Genauso können als nachhaltig eingeführte Bauweisen in kurzer Zeit an Boden verlieren. Danken wir nur an den aktuellen Holzmarkt. Das beste Konzept taugt nichts, wenn der Baustoff fehlt oder zu teuer geworden ist.

Auch die Funktionalität, Flexibilität bzw. Anpassungsfähigkeit des Gebäudes fließen in die Betrachtung mit ein. Kann etwa ein Familien- in ein seniorengerechtes Domizil umgewandelt werden und wenn ja, mit welchem Aufwand? Oder ist es ein Leichtes, das Haus an die nächste junge Familie weiterzugeben?

Eine weitere Frage wird bislang selten gestellt, denn die meisten ausgeklügelten Konzepte verlangen Pflege und – Stichwort Smart Home – immer wieder Updates. Welche Folgen hat es für die Nachhaltigkeit, wenn Fachleute in IT und Handwerk fehlen?

Natürlich kann niemand wirklich wissen, was in der Zukunft passieren wird, ob der Standort Jahrzehnte später immer noch attraktiv sein wird oder eher verbrannte Erde. Gerade in diesem Sommer werden wir schmerzlich darauf gestoßen, wie verwundbar scheinbar sichere Wohngebiete sind. Selbst die Kerne jahrhundertealter Orte an unscheinbaren Bächen wurden plötzlich überflutet und teilweise weggespült. Nachhaltiges Bauen? Wider Erwarten nicht!

Wir sehen also, trotz aller seiner Vorzüge muss selbst ein Passivhaus aus nachwachsenden Rohstoffen mit maximaler Wohngesundheit und optimaler Raumaufteilung nicht zwangsläufig nachhaltig sein. Auch wenn das Gebäude bis ans Ende seiner Tage von allen Unwettern, Erdbeben und Feuersbrünsten verschont bleibt, hängt die Nachhaltigkeit zum großen Teil vom Verhalten der Bewohner ab. Das Entscheidende entsteht also im Kopf.

Wer nachhaltig bauen will, muss nachhaltig denken. Klingt logisch? Ist es auch!

Foto: Die Mauer des Palastes des Inca Roca in Cusco (Peru) hat nach 800 Jahren noch zum größten Teil ihre Struktur erhalten aufgrund der Anordnung der Natursteine auch ohne jegliche Bindemittel – zweifellos ein nachhaltiges Bauwerk! Von Xauxa (basierend auf den Rechteinhaber-Angaben), CC BY 2.5

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